– Leseprobe –
Festung Jotapata
im dreizehnten Regierungsjahr des Kaisers Nero
(47. Tag der Belagerung)
„Steh auf, Herr!“ Unsanft wurde Josef die Wolldecke weggezogen, unter der er schlief. Brutal fasste ihn jemand an den Schultern und riss ihn nach oben. Aus einem tiefen Schlaf der Erschöpfung gerissen, öffnete er die Augen und versuchte, sich zu orientieren. Herkules ließ ihm nicht einmal dazu die Zeit. „Komm schnell. Die Römer sind da!“ Josef setzte sich auf und schaute benommen um sich. „Wo? An der Nordmauer?“ Der Grieche zerrte ihn mit Gewalt von seinem Strohlager nach oben. „Nein. In der Stadt. Überall. Komm. Du musst fliehen!“ Jetzt hörte Josef Lärm im Innenhof. Durch die offene Tür sah er Männer seiner Leibwache gegen Römer kämpfen. Simon erhielt soeben einen Stich mit dem Gladius in den Hals, eine Blutfontäne schoss heraus. Jakobs Gefährte sank hinunter auf den Boden, der schon mit weiteren Leichen bedeckt war. „Durch das Fenster!“ Herkules schubste ihn gegen die Öffnung in der Wand, die zur Stadtmauer ging, und stellte sich schützend vor ihn. „Kletter durch!“ Josef folgte dem Befehl augenblicklich. Er war jetzt hellwach. Der Sturz auf den Gang hinter dem Haus war schmerzhaft, aber er hatte sich nichts gebrochen. Neben ihm schepperte ein Schwert auf den Boden, dann folgte Herkules. „Hoffentlich haben sie uns nicht gesehen. Wir müssen zur Südmauer. Ich gehe vor.“ Er hastete an die Ecke des Statthaltergebäudes, lugte vorsichtig in die Seitengasse. „Die sind beschäftigt. Schnell!“ Der Leibwächter sprintete hinter das nächste Haus. Josef eilte hinterher, schaute aber kurz in die Gasse. Dort hatten drei Römer ein junges Mädchen auf den Rücken geworfen. Die Nachbarstochter. Keine dreizehn Sommer alt. Sie schrie wie ein an den Hinterläufen gepacktes Ferkel. Zwei der Soldaten hatten jeweils einen Fuß auf ihre beiden ausgebreiteten Handgelenke gestellt und sicherten den Ort mit gezogenen Schwertern nach vorn, zur Straße. Der dritte kniete zwischen den strampelnden Schenkeln des Mädchens und zerrte ihr Hemd empor. Vor ihnen lag Marias Mutter reglos in einer Lache von Blut.
„Weiter!“, zischte Herkules. Sie hasteten den Pfad zwischen Stadtmauer und Häusern entlang. Der dichte Morgennebel in der Festung wurde durch Rauch geschwärzt, der ihnen in Augen, Nase und Rachen biss. Josef sah Flammen aus Fenstern schlagen. Gnadenlos machten die Römer alle nieder, die aus brennenden Häusern flohen. Der Dunst dämpfte die Schreie des Entsetzens und der Mordlust. Sie klangen seltsam entfernt, obwohl das Blutbad nur eine Gasse weiter stattfand.
Dann versperrte ihnen ein Bretterverschlag den Weg. „Wir müssen nach vorn. Bleib dicht bei mir.“ Herkules schlich vorsichtig zur Hauptgasse. Die war übersät mit Leichen. Darunter Frauen, Kinder, Greise. Kein Toter trug einen Helm oder nur einen Umhang. Die Männer waren von ihren Schlafplätzen auf die Straße gestürzt und dort umgebracht worden. Einige wenige Verletzte hielten sich wimmernd ihre klaffenden Wunden. Vorn erklang Kriegslärm. Das Morden hatte sich an die Westmauer verlagert. Rechts von ihnen näherte sich schnell das Klappern genagelter Militärsandalen. Herkules warf sich zwischen die Leichen auf den Boden und zerrte Josef ebenfalls nach unten. Sie stellten sich tot. Eine schwierige Sache, angesichts des bestialischen Gestanks aus verbranntem Fleisch, im Sterben entwichener Notdurft und frei liegender Eingeweide. Zwei Frauen stürzten schreiend durch den Nebel an ihnen vorbei, verfolgt von drei römischen Soldaten. Kaum waren sie vorüber, sprang Herkules auf: „Weiter!“ Kraftlos folgte Josef der Anweisung. Wozu fortlaufen? Die Römer sickerten in Scharen von Norden her in die Festung ein. Sie machten jeden nieder. Im Süden war nur die Mauer. Wer nicht beim Sprung von ihr den Tod fand, würde spätestens am doppelten Belagerungsring im Tal sein Leben verlieren. Es gab kein Entrinnen. Herkules zog ihn wieder in Richtung Stadtmauer. Wohin liefen sie? „Da!“ Sein Leibwächter zeigte auf einen schmalen Spalt im Boden. Eine unbehauene Treppe im Felsen, eben breit genug für eine einzelne Person. „Steig hinunter!“ Die Absätze führten zu einem runden Loch. Vor Jahrhunderten in den Stein gehauen, knapp eine Schwertlänge breit. Josef zwängte sich hindurch. Weitere Stufen. Er wartete bis Herkules ihm folgte, und schaute ihn zweifelnd an. „Du willst dich in einer Zisterne verstecken?“ Der Grieche zuckte mit den Schultern. „Besser, als erschlagen zu werden. Wenn wir Glück haben, verfliegt der Blutrausch der Römer, ehe sie uns hier finden. Außerdem ist das mehr als eine Wasserstelle. Schau!“ Herkules ging hinunter zum Rand des fast ausgetrockneten Beckens. Er watete durch die Pfütze zur gegenüberliegenden Seite, wo, hinter einem Steinhaufen kaum zu entdecken, ein hüfthohes Loch gähnte. Der Eingang zu einem Tunnel. Er zeigte mit dem Gladius auf ihn: „Dahinter befindet sich eine geräumige Höhle. Komm!“ Der Leibwächter kniete sich nieder und kroch hinein. Josef folgte ihm. Auf der anderen Seite richtete er sich auf.
Durch einen schmalen Spalt in der Decke fiel Licht in ein unterirdisches Gewölbe. An dessen Rückwand standen an die drei Dutzend Männer. Einige von ihnen trugen Dolche oder Knüppel. Kampfesbereit schienen sie nicht. Eher müde. Und voller Furcht. Herkules nahm sein Schwert herunter und ging einen Schritt auf sie zu. „Habt keine Angst! Wir sind auf der Flucht, genau wie ihr.“ Ein älterer Mann trat hervor. „Ich kenne dich“, sprach er Josef an. „Du bist der Statthalter.“ Unter seinen Gefährten entstand aufgeregtes Gemurmel. „Dir danken wir das Morden der Römer!“, sagte einer wütend. „Er hat ihnen 47 Tage widerstanden!“, widersprach ein anderer. „Wäre er nicht gekommen, hätten sie uns gar nicht erst belagert“, tönte es von hinten. Der ältere Mann hob entsetzt die Hand. „Ruhe!“, zischte er. „Sollen sie uns hören?“ Sofort setzte betroffenes Schweigen ein.
„Willkommen, Statthalter. Du siehst vor dir die Reste von Jotapatas Ältestenrat. Als die Römer gestern die Bresche in die Stadtmauer schlugen, war uns klar, dass die Festung bald überrannt würde. Ich erinnerte mich an diese Höhle hier, die nur erreicht werden kann, wenn die Zisterne fast ausgetrocknet ist. Wir prüften im Morgengrauen, ob sie eine Zuflucht bietet, da brach in der Stadt Kampfeslärm aus. Wie die Sintflut ergossen sich die Römer durch die Gassen. Nie hätten wir vermutet, dass sie Jotapata so schnell nehmen. Es blieb keine Zeit, zu den Unseren zurückzukehren. Jetzt fürchten wir das Schlimmste für sie. Sklaverei. Tod. In der Stunde der höchsten Not blieben sie allein.“ Er seufzte. „War es Verrat?“ Josef zuckte mit den Schultern. „Ich bin genauso überrascht worden wie ihr. Meine Leibwache weckte mich. Sie rief mir zu, ich solle durch das Fenster fliehen. Die Männer versuchten, die Römer aufzuhalten. Sie fanden dabei den Tod. Draußen traf ich auf diesen griechischen Söldner hier. Er zeigte mir den Weg zu der Zisterne, die er gestern erst entdeckte.“ Der ältere Mann nickte. „So bleibt, bis sich die Lage oben beruhigt hat.“
Die Höhle entrückte Josef von dem grausamen Geschehen in der Stadt. Schreie, Klagerufe und Siegesgeheul verwebten sich zu einem fernen Klangteppich. Der Wind blies den Rauch der Brände über die Höhle hinweg. Ein ständiger Strom durch den Tunnel brachte frische Luft aus der Zisterne. Sie fuhr in sein Hemdkleid, reinigte es vom Geruch des Todes. Er setzte sich an die Wand neben dem Durchgang und schloss die Augen. Sein Gewissen quälte ihn mit dem Anblick der Nachbarstochter auf dem Boden der Gasse. Hätte er sie retten können? Nicht heute, das wäre Selbstmord gewesen. Aber vorher? Er wusste doch von Anfang an, dass die Römer siegen. Bei all ihrer Militärmacht. Er stand mit dürftig angelernten Eiferern gegen doppelt so viele Soldaten der am härtesten geschulten Armee der Welt. Hätte er die Festung nicht gleich übergeben sollen? Aber dann wären die Römer nach Jerusalem weitermarschiert. Zum Tempel. So hingegen hatte er sie 47 Tage aufgehalten. Lange genug, um sie in ein Winterquartier zu zwingen. Er hatte den Krieg vom Heiligtum ferngehalten. Marias Leiden war damit nicht umsonst. Sie hatte das Schicksal all der Mädchen in Jerusalem auf sich genommen. Doch in seinem Kopf blieb das Bild von der Tochter, deren Haar im Blut der Mutter lag, während es der Römer schändete. Er riss die Augen auf, um es loszuwerden.
Herkules saß neben ihm. Hatte sich, die Lider geschlossen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Quälten ihn ähnliche Bilder? Der Gladius, der sich in Simons Hals bohrte? Die aufgebrochenen Leichen in den Straßen? Der Grieche öffnete die Augen. Er musste bemerkt haben, dass Josef ihn anstarrte. Herkules wandte ihm sein Gesicht zu. „Warum hast du mich als Söldner vorgestellt und nicht als Letzten deiner Leibwache?“ Eine berechtigte Frage. Er hatte es aus Instinkt getan, ohne darüber nachzudenken. Er zuckte mit den Schultern. „Eine Eingebung. Sie sollten nicht wissen, dass wir uns schon lange kennen. So ist dein Schicksal nicht mit meinem verbunden. Und du hast den Vorteil der Überraschung, wenn du mir hilfst.“ Der Grieche nickte. „Da ist was dran.“ Er schaute auf die Ältesten, die sich in kleine Grüppchen aufgespalten hatten. Einige saßen apathisch an der Wand, andere diskutierten leise miteinander. Manche versuchten, auf dem glatten Felsboden zu schlafen. „So viele Menschen und keine Vorräte. Bei Einbruch der Dunkelheit werde ich mich herausschleichen. Schauen, ob ich etwas Nahrung finde. Oder einen Fluchtweg. Du bleibst hier. Ich nehme an, die Römer suchen dich.“ Josef nickte müde. Er konnte ohnehin nichts weiter tun.
Herkules machte sich auf den Weg, als durch den Spalt in der Decke erste Sterne zu sehen waren. Zwei Männer aus Jotapata begleiteten ihn. Sie wollten die Lage erkunden und ebenfalls Essen suchen. Josef bekam davon nichts mit. Sein Körper nahm sich, was ihm nach Wochen der permanenten Anspannung am meisten fehlte: Ruhe. Keine Befehle, die es zu erteilen gab, kein Bedenken der möglichen Schritte des Feindes. Keine Sorge um Greise, Weiber und Kinder, keine Beschwichtigung der Hitzköpfe in den eigenen Reihen und kein Entflammen des Kampfgeistes bei den Erlahmenden. All das fiel von ihm ab. Was blieb, war Schlaf.
Er wurde erst wach, als Unruhe um sein Lager herum entstand. Er sah im fahlen Licht der Morgendämmerung, wie die Männer in der Höhle vorsichtig auf ihn zu kamen. Doch ihr Interesse galt nicht ihm. Nebenan im Tunnel waren Geräusche zu vernehmen. Josef stützte sich auf und schaute ebenfalls zum Loch in der Wind. Dort erschien zuerst ein Korb, dann sah man die Hand, die ihn schob, endlich den mit einem Tuch bedeckten Kopf einer Frau. Drinnen richtete sie sich auf. „Deborah“, rief einer der Ältesten überrascht. „Das Weib des Bäckers in der Südstadt“, erklärte er jenen, die sie nicht kannten. „Seine Witwe“, entgegnete sie müde. „Sie sind alle tot. Mein Mann. Seine Brüder. Deren Frauen, unsere Kinder. Liegen unbegraben auf der Straße.“ Sie seufzte tief. „Wir kommen nicht an sie heran. Die Römer suchen in den Tunneln und Höhlen unter der Stadt Überlebende. Zuerst den Statthalter. Er war nicht bei den Toten.“ Wie auf Kommando sahen alle zu Josef. Die Frau folgte ihren Blicken. „Ach hier bist du“, sagte sie nur. Dann erzählte sie weiter. „Simon, der Gerber, entdeckte mich in meinem Versteck unter der Bäckerei. Er suchte nach Nahrung für euch. Ich habe mitgebracht, was im Ofen lag. Das andere nahmen die Römer.“ Sie drehte sich um und ließ sich auf die Knie nieder. „Du gehst wieder?“, fragte einer erstaunt. „Ja. Ich bleibe bei meiner Familie, bis die Soldaten abziehen. Um sie zu begraben. Lebt wohl.“ Vorsichtig kroch sie zurück.
Der Sprecher des Ältestenrates verteilte die Fladen. Jeder bekam ein Viertelstück. Dann kehrten alle an ihre Plätze zurück und rissen sich Stücke aus dem Teig. Josef fragte Herkules nach den Ergebnissen seiner nächtlichen Erkundung. Der berichtete, dass überall Trupps von Römern umherstreiften. Sie holten alles Nützliche aus den Häusern. Nahrung, Kleidung, Werkzeuge. Was zu groß oder schwer sei, zerstörten sie. „An einer Stelle war ich schneller“, grinste er und warf ihm eine Tunika und ein Wolltuch zu. „Ein Statthalter im Hemdkleid, das geht doch nicht.“ Dann wurde er wieder ernst. „Die Flucht ist unmöglich. Die Römer haben Soldaten in die Festung gelegt. In die stehen gebliebenen Häuser im Norden und vor das Tor dort. Überall Wachen und Plünderer. Den einzigen Schutz bilden die Leichen auf den Straßen. Die überlassen sie den Tieren zum Fraß. Keine Ahnung wie wir hier herauskommen.“ Der Grieche nahm einen letzten Bissen von seinem Fladenbrot, steckte den Rest unter ein weiteres Wolltuch, das er mitgebracht hatte und legte sich dann darauf. Schnell hörte man ihn schnarchen.
Josef lehnte sich wieder an die Felswand. Er schaute auf die Männer in der Höhle, die vor sich hin starrten, müde auf dem Boden lagen oder leise Gebete sprachen. Ihm kam Leila in den Sinn. Er hätte sie so gern ein letztes Mal gesprochen. Sie berührt. Jetzt, da sie frei war, war er gefangen. Der Herr spielte mit ihm. Warum? Er handelte doch in seinem Auftrag. War einer von nur drei Gesalbten, die er auserwählt hatte, sein Wort zu schützen. Oder war diese göttliche Mission ein Betrug? Gaukelte ihnen der Hohepriester nur etwas vor? Er schloss die Augen. Es ist an der Zeit, dass der Herr seinem Diener hilft. Dann sprach er das Morgengebet. Leise und inbrünstig.
Einige Stunden später hörte er durch den Tunnel neben sich eine Stimme. Laut und entschlossen. Jemand rief ihn. „Josef ben Matthias!“ Die Männer in der Höhle schauten verwundert auf das Loch in der Wand. Einige standen auf und kamen näher. „Ich rufe den Statthalter der beiden Galiläa. Rede mit mir!“ Der Mann sprach griechisch. Josef erhob sich von seinem Platz. Die anderen beobachteten ihn aufmerksam. Er kniete sich an den Tunneleingang und antwortete in der gleichen Sprache. „Wer bist du?“ Die Antwort klang durch den Hohlraum der Zisterne seltsam verzerr. „Feldherr Vespasian sendet dem Kommandanten der Festung Jotapata einen gleichgestellten Offizier. Er macht dir ein Angebot.“ Die nächsten Sätze ließen Josef erstarren. „Man nennt mich Marcus Aemilius Nicanor. Ich bin der Tribun der 2. Syrischen Kohorte, aber stehe hier allein. Meine Leute bewachen oben den Eingang der Zisterne. Ich wünsche, den Josef unter vier Augen zu sprechen. Das ist keine Falle. Im Namen Vespasians gebe ich ihm das Ehrenwort, dass er bei diesem Gespräch unbehelligt bleibt.“
Nachdem er sich von seiner Überraschung gefangen hatte, suchte Josef den Blickkontakt zu Herkules. Fast unmerklich schüttelte er den Kopf. Sag nicht, dass wir den Mann kennen. Der Grieche verstand ihn zum Glück sofort. Er nickte leicht. Beruhigt stand Josef wieder auf. Er wandte sich an die Ältesten aus Jotapata und übersetzte ihnen, was Nicanor gesagt hatte. „Geh nicht“, stürmten sie auf ihn ein. „Die Römer versuchen, dich gefangen zu nehmen. Hier herein kommen sie nicht, da wir jedem von ihnen einzeln den Kopf abschlagen könnten, sobald er aus dem Tunnel kriecht. So probieren sie es mit einer List!“ Josef verstand ihre Angst. Er war ihr Unterpfand. Solange die Römer ihn schonen, überleben sie alle. Aber er musste unbedingt zu Nicanor. Es konnte kein Zufall sein, dass in dieser verzweifelten Lage wie aus dem Nichts sein Freund aus Kindertagen auftauchte. Der Herr hatte sein Gebet erhört.
„Sie brauchen nicht hereinkommen. Sie könnten uns leicht verhungern lassen. Das kostete sie zwei Mann Wache vor dem Tunnel“, widersprach er. „Nein, ich werde mir anhören, was Vespasian von einem Besiegten will.“ Er schaute zu dem Loch in der Wand. „Ich schlage vor, der Grieche bewacht den Eingang. Falls sie doch eine Überraschung geplant haben.“ Herkules nickte und erhob entschlossen seinen Gladius. Josef war klar, dass er seine Aufgabe begriffen hatte. Es würde keine Lauscher geben. Er kniete sich nieder und kroch in den Tunnel zur Zisterne. Auf der anderen Seite richtete er sich auf. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesicht. Denn ihm gegenüber stand, in blank geputzter Uniform mit dem Helmbusch aus rot gefärbtem Rosshaar auf dem Kopf, sein alter Freund Nicanor. Er grinste ebenfalls. Josef legte seinen Finger auf den Mund und wies nach links. Stumm stellten sie sich neben das Eingangsloch. Dann endlich umarmten sie sich. „Wie habt ihr mich gefunden?“, flüsterte Josef. „Durch eine Frau, die euch Brot gebracht hatte. Sie verriet dich in der Hoffnung, dass wir ihr Leben verschonen. Das tat Vespasian. Sie wird mit anderen auf dem Sklavenmarkt verkauft.“ Nicanor hatte ebenso die Stimme gesenkt. Josef nahm seinen Arm und führte ihn weiter vom Tunnel weg. „Ihr macht Gefangene? Mir schien, es sollte niemand verschont werden.“ Der Tribun nickte. „So lautete der Befehl. Aber Legionäre leben nicht vom Sold allein. Sie brachten zwölfhundert Frauen und Mädchen sowie Kinder zusammen, mit denen sich gute Preise erzielen lassen. Alle anderen sind tot. Nach unserer Schätzung liegen vor und in der Festung an die vierzigtausend Leichen.“ Josef nickte traurig. So viele. Sie hatten das seitliche Ende der Zisterne erreicht. „Herkules bewacht den Eingang der Höhle“ erläuterte er. „Da lauscht niemand. Lass uns dennoch leise sprechen. Sag, was will Vespasian und warum schickt er ausgerechnet dich?“
„Ein Zufall. Ich war bei seinem Stab, als die Frau ins Zelt gebracht wurde. Ich sagte dem Feldherrn, dass wir uns von früher kennen. Er willigte ein, mich als Boten zu senden.“ Der Tribun straffte sich. Er sprach jetzt im Namen Vespasians. „So lautet sein Angebot. Du verlässt die Höhle, stellst dich und im Gegenzug verbürgt er dir das Leben.“ Gespannt erwartete Nicanor die Reaktion des Freundes. Die fiel knapp aus. „Das ist alles?“, fragte er. Der Tribun nickte. „Was erwartest du? Du bist besiegt, deine Männer sind tot. Vespasian zollt dir mit seinem Versprechen, dich am Leben zu lassen, seine Anerkennung.“ Josef war nicht überzeugt. „Ich vertraue dir als meinem Freund, aber ich misstraue den Absichten deines Heerführers. Er hätte so viele Gründe, mich zu kreuzigen. Allein, dass ich eure anstürmenden Legionäre mit heißem Öl übergießen ließ, werden mir seine Offiziere nie verzeihen.“ Nicanor winkte ab. „Der General kennt den Unterschied zwischen verzweifelter Verteidigung und blinder Grausamkeit. Er bewundert dich für deinen Einfallsreichtum. Die gespannten, feuchten Ochsenfelle, die unsere Brandgeschosse unwirksam machten. Das Aufhängen vor Nässe tropfender Wäsche, nur damit wir nicht merken, dass euer Trinkwasser zur Neige geht. Das gekochte griechische Heu, das unsere Soldaten auf den Planken der Belagerungstürme ausgleiten ließ. Du hast seine Achtung. Als er hörte, dass du in Jotapata bist, schickte er eintausend Reiter aus, um die Festung zu umstellen. Nur, damit du ihm nicht entwischst.“ Josef war überrascht. „Woher wusste er, dass ich hier war? Ich traf nur einen Tag vor ihm ein.“ Nicanor lächelte. „Von Jakob. Er wurde in der Nacht vor unserer Ankunft im Tal aufgegriffen. Zum Glück von einem Spähtrupp meiner Leute. Dank seinem Bericht, dass er bei dir war, konnte ich ihn als römischen Spion ausgeben und Vespasian melden, dass der Statthalter Galiläas in der Festung weilt. Die Nachricht war ihm wichtig. Du hast seinen Plan zunichtegemacht, die Juden in einer offenen Feldschlacht zu schlagen, indem du die Städte hier zu Bollwerken ausgebaut hast, die er alle einzeln erobern muss. Außerdem hatten ihm Überläufer berichtet, dass du dein Heer nach römischem Vorbild aufstellst, mit Centurien und Kohorten. Du warst ihm ein gefährlicher Gegner, der jetzt besiegt ist. Er wird Milde üben.“ Josef war sich da nicht so sicher. Vor allem fragte er sich, ob er dem mächtigsten Mann Roms im Osten trauen konnte. „Sag Nicanor, was ist Vespasian für ein Mensch? Wonach strebt er? Es ist wichtig, ihn zu kennen, bevor ich mich in seine Gewalt begebe.“
Der Tribun zögerte, überlegte. „Nun. Er ist älter als unsere Väter. Seine Eltern galten als wohlhabend, aber keiner seiner Ahnen war Senator. Er erwarb sich bei Feldzügen in Germanien und Britannien große Verdienste. Doch Neros Mutter behinderte seinen Aufstieg. Keine Ahnung, warum. Der Kaiser selbst zürnte ihm, weil Vespasian bei einem seiner Auftritte im Theater einschlief. Auf der anderen Seite war er wegen seiner niedrigen Herkunft und seines Alters derjenige Heerführer, den der Kaiser am wenigsten fürchtet. Darum gab er ihm dieses riesige Heer für den Feldzug gegen die Juden. Wobei Nero Wesentliches verkennt. Zum einen stehen die Legionäre hinter Vespasian. Für sie ist er einer von ihnen. Zum anderen paart sich seine Erfahrung mit der Stärke seines Sohnes Titus. Der ist jünger als wir und führt schon eine Legion. Diese Einheit von Soldaten und Führern ist selten und gefährlich. Für Judäa und Rom.“ Nicanor verstummte, dann fiel ihm etwas ein. „Im Übrigen sind beide, Vater und Sohn, recht abergläubisch. Sie vertrauen den Zeichen und Weissagungen der Götter, selbst fremder. So will Vespasian in Judäa unbedingt das Orakel vom Karmel aufsuchen.“
Am Eingang der Zisterne waren Schritte zu vernehmen. Ein Offizier trat heraus. „Alles in Ordnung, Herr?“ Nicanor nickte. „Ja, Decurio. Warte oben auf mich, ich folge bald.“ Er wartete, bis der Mann wieder verschwunden war, dann versuchte er ein letztes Mal, Josef zum Mitkommen zu überreden. „Vertraue mir. Ich werde unsere Freundschaft nicht verraten und Vespasian hat keinen Grund, sie für einen Betrug zu nutzen. Wenn er dich umbringen wollte, könnte er das mit Gewalt erreichen. Er bräuchte nur Feuer vor deine Höhle legen lassen. Ihr würdet im Rauch ersticken. Nimm sein Angebot an.“ Doch Josef zögerte weiter. „Und was ist mit den anderen da drinnen?“ Der Tribun schüttelte den Kopf. „Es gilt nur für dich. Mag sein, er übt Milde, wenn jemand freiwillig mit dir kommt.“ Eine Weile standen sie schweigend. Nicanor wartete auf eine Antwort, Josef bedachte die Konsequenzen. Geht er mit, bleibt er einer der drei Hüter von Gottes Wort. Aber sein Volk, das davon nichts ahnt, würde ihn für den Verrat hassen. Weigert er sich, missachtet er nicht nur den Willen des Herrn. Nein, er wirft das Leben, das dieser ihm aus einem Grund schenkte, achtlos fort. Die Entscheidung war klar.
„Ich werde mit den anderen sprechen. Gib mir die Nacht, um sie zu überzeugen. Morgen früh werde ich mich Vespasians Gnade ausliefern. Der Herr ist mein Zeuge, dass ich nicht als Verräter, sondern als sein Diener zu euch übergehe.“ Josef griff den Unterarm des Freundes, um sich auf römische Art zu verabschieden. „Ich hätte so gern erfahren, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist. Was dein Vater treibt und ob Sadah ihr Leben in Rom genießt.“ Überrascht merkte er, dass Nicanor bei ihrem Namen zusammenzuckte. Der Freund schaute ihn traurig an. „Dazu hatte sie kaum Gelegenheit. Ich erzähle dir später davon. Jetzt erstatte ich Vespasian Bericht. Wir sehen uns in der dritten Stunde nach dem Morgengebet.“
Herkules hatte Wort gehalten und den Tunnel bewacht. Erst als Josef zurück in die Höhle kroch, räumte er diesen Platz. Das nutzten die Ältesten, um auf den Statthalter einzustürmen, noch ehe er sich aufrichtete. Laut riefen sie ihre Fragen. Was der Tribun denn gesagt habe. Ob er Soldaten bei sich hatte. Wie ihr Versteck entdeckt wurde. Josef hob beide Arme, um sie zu beruhigen. Dann schilderte er das Gespräch mit Nicanor in knappen Worten. Und löste einen Tumult aus, als sie merkten, dass er das Angebot der Römer anzunehmen gewillt war. Von allen Seiten drangen sie auf ihn ein. Ob ihm denn sein Leben so lieb sei, dass er es gar in Sklaverei verbringen würde? Gott gab den Juden Seelen, die den Tod verachten. Wie viele seiner Leute hätten dieses Geschenk genutzt, um auf seinen Ansporn hin ihr Leben für die Freiheit zu geben. Und er wolle sich dieser Ehre entziehen? Das Volk würde ihn dafür nur hassen. Sein Ruf wäre dahin. Anders sei es, suchten sie alle freiwillig den Tod. Sterbe er mit ihnen, so als Heerführer der Juden. Ergäbe er sich und die Römer brächten ihn um, fiele er als Verräter.
Sie fuchtelten erregt mit ihren Knüppeln und Dolchen, manche drohten mit den Fäusten. Herkules erhob besorgt seinen Gladius, aber Josef schüttelte den Kopf. Er war Priester, ein Meister der Redekunst, und darauf setzte er jetzt. Was nütze es denn, so fragte er sie, sich selbst zu morden? Sicher sei es ehrenvoll im Krieg zu sterben, doch im Kampf um die Freiheit und durch die Hand derer, die sie bedrohen. Sie stünden aber nicht mehr in der Schlacht. Die sei entschieden. Und die Sieger versicherten, sie am Leben zu lassen. Was, so fragte er, lässt sie denn zögern, zu ihnen emporzugehen? Doch nur die Angst, dennoch den Tod zu finden. Und aus dieser Furcht heraus seien sie entschlossen, sich stattdessen selbst umzubringen? Kein Tier suche den eigenen Tod. Gott gebe das Leben und nur an ihm sei es, es wieder zu nehmen. Ob sie nicht meinten, dass er zürnt, sobald sie sein Geschenk fortwerfen?
Doch alle Einwände halfen nichts. Die Männer in ihrer Verzweiflung waren taub gegen seine Rhetorik. Wütend drangen sie mit ihren Waffen auf ihn ein. Er aber schnappte wie eingekreistes Wild immer nach dem, der ihn am ehesten bedrohte. Sprach den einen mit seinem Namen an, den anderen mit der Autorität des Feldherrn. Ergriff die Hand eines Wütenden oder verlegte sich aufs Bitten. Letzten Endes beruhigten sie sich. Nicht zuletzt, weil er vorgab, dass ihre Einwände Wirkung zeigten. Er bat sie, ihm etwas Ruhe zu gönnen. Um das Für und Wider des Selbstmords zu bedenken. Damit waren sie einverstanden.
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