Leseprobe
Davos
13. August 1928
Es ist still in der Pension „Stolzenfels“. Die Nacht hat sich längst über das Tal gelegt. Einige wenige Gäste sitzen schweigend in den schweren Sesseln des Salons im Erdgeschoß, andere sind auf ihre Zimmer gegangen oder in eines der Gasthäuser im Dorf. Sie alle halten kaum die Schreie aus, die gelegentlich aus dem obersten Stock dringen, wo der Dichter Klabund unter Schmerzen mit dem Tode ringt. Selbst die Pausen dazwischen bringen keine Ruhe, da niemand weiß, ob Alfred Henschke endlich erlöst wurde oder nur in eine weitere Ohnmacht fiel. Erwin und Frieda Poeschel, die Betreiber der Pension, haben ihre Gäste um Verständnis für die Situation gebeten. Klabund ist ein Stammgast, er sucht schon seit 1916 in ihrem sechsstöckigen Gästehaus „Stolzenfels“ Linderung von der Tuberkulose. Hier lernte er seine erste Frau Irene kennen, hierher zog es ihn immer wieder mit seiner zweiten großen Liebe Carola, die, wie er, eine Freundschaft zu den Inhabern aufbaute. Und so ertragen die übrigen Bewohner, von denen viele ebenfalls seit Jahren zur Liegekur an den Höhenweg kommen, die Schmerzensschreie des 37-Jährigen da oben. Vor allem, weil niemand von ihnen weiß, ob er nicht bald selbst solche Rücksichtnahme braucht.
Mühsam zieht sich Erwin Poeschel das Geländer der Treppe empor. Er nimmt die Stufen und Absätze betont langsam – zum einen, weil seine Lunge angegriffen ist, zum anderen, um das Unvermeidliche hinauszuzögern: den Abschied von einem lieben Gleichgesinnten und Freund. Dr. Staub hatte ihm vor einigen Tagen mitgeteilt, dass bei Klabund vom Schlimmsten auszugehen sei. Eine Lungen- und eine Bauchfellentzündung habe er diagnostiziert, dazu scheine eine Hirnhautentzündung zu kommen. Die hohen Fieberschübe sprächen dafür – genau wie die wahnsinnigen Kopfschmerzen. Klabund war klar, wie es um ihn steht. Er diktierte Poeschel eine Karte, mit der er die Eltern eindringlich bat, innerhalb der folgenden acht bis zehn Tage nach Davos zu kommen. Seiner Frau in Berlin hat er eine solche Bitte nicht gesandt. Um sie nicht von ihrer Arbeit abzulenken. Die Hauptrolle in dem neuesten Stück des Dramatikers Brecht sei doch so wahnsinnig wichtig für sie, warb er um Verständnis. Das ihm Erwin Poeschel angesichts des rapiden Verfalls seines Freundes verweigerte. Auf den Rat seiner Frau hin rief er stattdessen Carola Neher in Berlin an, sagte ihr offen, dass Klabund mit dem Tode ringt. Sie ließ alles stehen und liegen. Nahm die Proben zu Brechts „Dreigroschenoper“ genanntem Stück gar nicht erst auf. Die Direktion beschwichtigte sie mit dem Versprechen, rechtzeitig vor der Premiere am 31. August zurück zu sein. Seitdem sitzt sie den ganzen Tag bei Klabund. In Berlin nehmen sie darauf wenig Rücksicht. Seit Tagen läutet morgens, mittags, abends das Telefon. Brecht sowie ein gewisser Aufricht, Direktor des Theaters am Schiffbauerdamm, drängen. Die Neher habe eine Hauptrolle. Sie brauchen sie für die Proben. Auf Bitten Carolas wimmelt er die beiden immer wieder ab. Telegramme aus Berlin lässt er ungeöffnet in seinem Büro liegen. Jegliches hat seine Zeit. Selbst der Tod.
Außer Atem verschnauft Erwin Poeschel kurz vor dem Eckzimmer im obersten Stock. Dann klopft er sacht an, die Nachtschwester lässt ihn ein. Leise öffnet er die Tür zum Zimmer des Todkranken. Das Fenster ist weit aufgesperrt, so gelangt die frische Bergluft, die ein lauer Wind über den Davosersee treibt, in das Zimmer. Es ist kühl, aber auf Klabunds Gesicht steht der Schweiß. Ein neuer Fieber-Schub. Seine Frau sitzt am Kopfende des Bettes, mit dem Blick zum Sterbenden. Sie begrüßt den Eintretenden mit einem leichten Kopfnicken. Erwin Poeschel in seinem braunen Dreireiher wie immer adrett gekleidet, hat die übliche, längs gestreifte Fliege für heute durch ein ernstes, dunkles Exemplar ersetzt. Augen und Mund, sonst freundlich lächelnd, verstärken den besorgten Gesichtsausdruck.
„Wie geht es ihm?“
„Zunehmend schlechter. Seine hellen Momente werden immer kürzer. Vorhin haben wir miteinander gesprochen, mit großer Mühe auf seiner Seite. Jetzt ist er wieder in einen bewusstlosen Schlaf gefallen. Ich hoffe, der bringt ihm etwas Linderung.“
Poeschel schaut auf den Kranken und ein kurzes Zucken um den Mund verrät sein Entsetzen. Das Gesicht Klabunds ist eingefallen, die Haut liegt schlaff auf den Wangenknochen, die Augenhöhlen treten hervor. Der Schädel eines Toten. Der Pensionsbesitzer hat genug Lungenkranke in ihren letzten Stunden erlebt, er erkennt den Zustand des Sterbenden. Leise ruft er die Nachtschwester vom Flur und bittet sie, Dr. Staub holen zu lassen. Dann wendet er sich Klabunds Frau zu. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Sie nickt. Poeschel holt einen Stuhl, stellt ihn so, dass er gleichzeitig Carola und den Kranken im Blick hat.
„Falls es nicht zu privat ist: Worüber sprachen Sie denn vorhin? Was bewegt einen Mann wie ihn in solch einer Stunde?“
„Ich hatte ihm seine Lieblingsverse von Francois Villon vorgelesen. Die ‚Regrets de la belle Heaulemière’. Eine Ballade. Sie handelt von der schönen Helmschmiedin, die alle Männer verschmäht, bis auf einen. Der aber hat kein Geld, schlechte Manieren und ist brutal. Als er stirbt, hinterlässt er ihr nur die Erinnerung an die große Liebe, die sie einst für ihn empfand. Und da hat Klabund mich in einem lichten Moment unterbrochen und gesagt, er habe Angst.“
„Vor dem Sterben?“
„Nein. Um mich. Davor, dass ich das kostbare Geschenk des Lebens nach seinem Tode nicht auskoste, sei es aus falscher Rücksichtnahme oder echter Trauer. Verstehen Sie Poeschel, er stirbt und seine einzige Angst gilt der Frau, die er liebt. Er nahm mir das Versprechen ab, keine Trauerkleidung zu tragen. Ich solle sofort wieder auftreten. Die Vorstellung, mich strahlend jung und schön auf der Bühne zu wissen, die bedeute ihm wahres Glück.“ Sie schaut traurig auf den Sterbenden. „Ich habe nie einen Menschen getroffen, der so aufrecht und selbstlos liebt wie er. Sein Körper hielt mit meiner Lebenslust nicht mit, doch seine Liebe war ihr immer überlegen. Wenn er nicht mehr ist – wer wird mich vor mir schützen?“
Vom Krankenbett her ertönt ein leichtes Röcheln. Carola wirft einen beunruhigten Blick hinüber. „Versteht er, was wir sagen?“ Erwin Poeschel schaut auf die starre Todesmaske, die die einst so gütigen Gesichtszüge des Freundes inzwischen bilden. „Ich glaube nicht. Er wehrt sich gegen das Unvermeidliche.“ Es ist wieder still. Der Pensionsinhaber versucht, Carola abzulenken. „Welch Glück, dass Sie beide noch ein paar Wochen Urlaub in Brioni genießen konnten. Obwohl ich mich ja schon gewundert hatte, warum Klabund nicht, wie angekündigt, zu uns in die Schweiz kam. Wo es ihm doch so elend erging. Meinen Sie, er hatte eine Ahnung und bestand deshalb darauf, Sie zu begleiten?“
„Ich glaube nicht. Wir hatten uns beide so auf Italien gefreut. Im Sommer an die Adria, das war immer sein Traum. Um mit ihm dorthin zu fahren, habe ich sogar ein Gastspiel in Paris abgelehnt, die Titelrolle in Wedekinds ’Lulu’. Doch dann kam diese schwere Lungenentzündung. Also vereinbarten wir, uns in Zürich zu trennen. Ich sollte mich in Brioni erholen und er sich in Ihrer Pension in Davos. Aber als der Hotelpage eben die Koffer für meine Abreise holt, da steht Klabund im Zimmer und sagt, er komme doch mit. Wir hätten die ganze Saison nichts voneinander gehabt, da müsse man nicht auch noch den Urlaub separat verbringen. Was sollte ich machen?“
„Ihn hierher schicken, verdammt“, ertönt es von der Tür.
„Dr. Staub! Danke, dass Sie so schnell kommen konnten!“ Erwin Poeschel steht auf, schüttelt dem Hausarzt die Hand.
„Und zu welchem Zweck, Doktor?“ Ohne ihren Blick von dem Todkranken abzuwenden, antwortet Carola mit resignierter Stimme auf den Einwurf des Arztes. „Er hätte für ein paar Wochen einsam und still auf dem Balkon gelegen, bevor ihn doch die Krankheit besiegt. So aber hat er zwei glückliche Monate verlebt. Er war so froh. Südliche Wärme, mediterranes Licht, nach all diesen nassgrauen Berliner Tagen. Nein, Doktor, seine kalte Parterre-Wohnung in Charlottenburg, die hätte ich ihm ausreden sollen – aber Brioni? Diese Freude konnte ich ihm nicht nehmen.“
Während Carola sprach, hat sich Dr. Staub auf den Stuhl von Erwin Poeschel gesetzt und ist näher an das Krankenbett gerutscht. Konzentriert untersucht er den mit geschlossenen Augen reglos daliegenden Klabund. Nachdem er den Puls genommen und das Herz abgehört hat, wendet er sich an Carola. „Es tut mir leid, Gnädige Frau, aber es würde mich wundern, wenn er den Morgen erlebt. Er kämpft seinen letzten Kampf, doch es ist ein Rückzugsgefecht. Ich geb ihm Morphium, das gewährt wenigstens die Gnade des schmerzfreien Hinüberdämmerns.“
Carola schließt die Augen, unter den zusammengepressten Lidern dringen dennoch Tränen hervor. In die Stille des Zimmers hinein spricht Erwin Poeschels bewegt ein paar Zeilen und es hört sich an wie ein Gebet:
Wenn ich gehe zu Gott
Trag ich in Händen das Wort …
Nimm es zurück. Und schaff
Leicht mir die Hände und leer.[1]
„Wie bitte?“ Dr. Staub dreht sich zu dem Pensionsbesitzer um. „Ein Gedicht, Doktor, nur ein Gedicht. Von unserem Freund hier.“
„Ach so.“ Der Arzt öffnet den braunen Hand-Lederkoffer, entnimmt ihm ein Kästchen mit säuberlich eingeschlagenen Spritzen und eine Ampulle und zieht das Morphium auf.
Im Flur schnarrt das Telefon. Kurz darauf kommt die Nachtschwester herein und tritt auf Carola zu. „Tut mir leid, aber es wurde ein Anruf an Sie durchgestellt. Aus Berlin. Es sei dringend.“ Erwin Poeschel fährt die Frau brüsk an. „Habe ich nicht gesagt, man soll uns nicht stören! Na, denen werde ich was …“
„Lassen Sie nur. Ich muss mich ja doch einmal melden.“ Carola erhebt sich. „Ich bin gleich wieder zurück.“ Im Flur nimmt sie den auf ein Tischlein gelegten Hörer auf: „Hallo?“ Knacken, Rauschen. Dann ein Krächzen: „Carola?“ Brecht. „Ja“, flüstert sie. „Na endlich“, klingt es erleichtert aus der Ohrmuschel. „Hör mal, ist er schon tot? Wann kommst du zurück? Wir brauchen dich bei den Proben! Die Dreigroschenoper geht nicht ohne die Polly!“ Sie kann es kaum fassen. Brechts Kaltschnäuzigkeit hatte ihr oft imponiert, aber jetzt fühlt sie sich von ihr zutiefst abgestoßen. Andererseits: Da meldet sich ihr Leben – von dem Klabund wünscht, dass sie es weiterlebt, wenn er nicht mehr ist. Sie sucht nach Worten, Entschuldigungen oder Ausflüchte, bringt aber letztlich nur einen einzigen Satz zustande: „Er stirbt gerade.“ Knacken und Rauschen. Wenige Sekunden später vernimmt sie wieder die Stimme Brechts. „Ich versuche, den Aufricht hinzuhalten. Aber das klappt nicht lange. Der verschiebt die Premiere nicht. Ist sein Geburtstag.“ Carola strafft sich. „Sag ihm, ich bin rechtzeitig wieder in Berlin. Und Brecht: Er darf die Polly nicht anders besetzen. Auf keinen Fall.“
[1] Klabund: Irene oder Die Gesinnung. Erich Reiss Verlag Berlin. 2. Auflage 1918. XLIII