In meiner frühen Jugend hörte ich jeden Sonntag so um die Mittagszeit gemeinsam mit meinem Vater die „Stimme der Kritik“. Ausgestrahlt vom Rundfunk im Amerikanischen Sektor (RIAS) in Berlin, nahm sich Friedrich Luft, einer der bedeutendsten Theaterrezensenten der Nachkriegszeit, jede Woche eine Premiere, ein Gastspiel oder auch nur eine ganz normale Aufführung vor und sezierte sie. Mit einer nahezu atemlosen Sprache, fantastischen Wortbildern und scharfem Verstand lobte er in den Himmel oder stellte Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner auf das intellektuelle Schafott. Die Verrisse hörte ich am liebsten.
Was man von den betroffenen Künstlern sicher nicht erwarten konnte.
Ich mochte also damals die Kritik um der Kritik willen. Heute, da ich mich selber der Meinung anderer stellen muss, sehe ich das ganz anders.
Ich bin durch Zufall in ein Internetforum gelangt, in dem Leser ihre aus der Bibliothek geliehenen Bücher vorstellen. Dort stieß ich auf überraschend viele Rezensionen meines Carola-Neher-Romans. Ausführlich, fundiert, frei von der Leber weg formuliert. Mal mit dem Florett, mal mit dem Beil des Scharfrichters verfasst.
Häufig fand ich die Hinweise, die ich schon von Amazon kannte: Zu überraschend der Übergang vom Aufstieg zum Absturz des Berliner Theaterstars der Zwanziger Jahre (die Zeiten waren so), nicht nachvollziehbar, warum sie zur Kommunistin wurde (wurde sie nicht, sie war lediglich Sympathisantin), das ganze sei eine Biografie, aber kein Roman (können wir uns auf Romanbiografie einigen?), ich hätte nicht genug Empathie für meine Heldin aufgebracht. Einige Male wurde fast wortwörtlich die Meinung einer (gibt es so etwas?) Rezensions-Influencerin wiedergekäut, die sich mit vielen hundert Buchbesprechungen auf den entsprechenden Plattformen einen Namen gemacht hat und als Kritiker-Guru hier treue Nachbeter fand.
Je länger ich las, desto mehr ärgerte ich mich. Über negativ hervorgehobene Punkte, die der Leser, die Leserin, einfach falsch verstanden oder überlesen hatte, nicht in ihrem historischen Kontext sah oder die geschmäcklerisch, also aus subjektiver Sicht als negativ empfunden wurden.
Als ich schließlich zu einer Leserin gelangte, die sich darüber aufregte, dass ich viel zu oft den klackenden Vierkant erwähnen würde, den die Wärterinnen in dem stalinschen Gefängnis ständig gegen ihr Koppelschloss schlugen, habe ich ganz aufgehört zu lesen. Liebe Frau Soundso, das soll nerven. Wie das ständige Tropfen eines Wasserhahns. Das ist ein bewusst eingesetztes Stilmittel, um den langweiligen Gefängnisalltag in all seiner Gefährlichkeit darzustellen – jeder Gang über die Flure der Butyrka konnte in den Tod führen!
Ich habe mich darüber so geärgert, dass ich mir erst einmal vorgenommen habe, diese Plattform nicht mehr zu besuchen. Um die dadurch ausgelöste depressive Stimmung nicht auf meinen neuen historischen Roman, der im Alten Rom spielt, durchschlagen zu lassen. Wenn ich anfange, es allen Lesern recht machen zu wollen, kann da nur Murks rauskommen. Ich bin der Autor, ich habe meinen Stil und wem der nicht gefällt, der kann ihn gern lautstark verreißen, aber er darf nicht erwarten, dass ich mir von solcher Art Kritik den Spaß am Schreiben nehmen lasse.
Habt ihr Freude an euren Rezensionen. Ich lasse mir die an meinen Büchern nicht nehmen.
Wer sich über Kritik ärgert, gibt zu, dass sie verdient war.
Publius Cornelius Tacitus (römischer Geschichtsschreiber, * um 58, † um 120)