Schreibblockade? Kenne ich nicht. Wenn es eine Szene, eine Beschreibung, einen Dialog in die Tasten zu hauen gilt, dann tippe ich drauflos. Sobald der erste Satz auf dem Monitor erscheint, läuft es flüssig durch. Mein Problem ist die Phase davor.
Ich sitze gegenwärtig an einem historischen Roman. Historical Fiction, um genauer zu sein. Es geht zurück in die Zeit des Jüdischen Krieges der Römer, der im Jahr 70 nach Christus mit der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem endet.
Die grundlegende Idee steht, die Protagonisten sind in der Figurendatenbank der Autorensoftware Papyrus festgelegt und beschrieben, die Handlung entwickelt sich. Ich schreibe kapitelweise, lasse mich gern von meinen Helden in eine neue Richtung drängen (wenn zum Beispiel zwei ihre Zuneigung zueinander entdecken, für die das gar nicht vorgesehen war). Die Hälfte des Textes ist fertig.
Und da gerate ich plötzlich ins Stocken. Nicht beim Schreiben. Davor. Bei der Planung des nächsten Kapitels.
Ich weiss genau, was jetzt passieren soll. Aber ich habe Skrupel meinen Plan umzusetzen. Denn plötzlich nagen grundsätzliche Zweifel an mir.
Der Prolog des Buches ist prima, keine Frage. Aber dann, der Anfang. Meine Einführung in die Geschichte und die Figuren. Alles lebhaft beschrieben, aber vielleicht doch irgendwie in sich … zu langweilig?
Ich brauche zu lange, um Spannung in die Geschichte zu bringen. Erkläre zu viel. Über die Zeit und die Umstände. Weil ich denke, der Leser sollte beides verstehen, auf dem Wissensstand meiner Helden sein, ihre Handlungen nachvollziehen können.
Lähme ich mich damit nicht unnötig?
Ich brauche ewig, um irgendwelche historischen Details nachzuschlagen (welche Unterkleidung trugen die Juden damals, wie schlossen sie ihre Häuser ab, was aßen und tranken sie bei einem Festmahl, durch welches Tor verließen sie Jerusalem, wenn sie zum See Genezareth wollten usw.). Die Seiten füllen sich dagegen wie von selbst, wenn ich meine Figuren einfach machen lasse (Prügelei, Liebesszene, Intrige).
Diese Selbstzweifel führten dazu, dass ich mich plötzlich in einer „kreativen Pause“ wiederfand. Bis ich irgendwo auf twitter einen Spruch von, ich glaube, Raymond Chandler las: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, lasse ich einen Fremden in der Tür erscheinen, mit einer Pistole in der Hand. Was für ein genialer Spruch! Noch am selben Abend kam mir die Idee, wie ich weitermache. Seitdem schreibe ich wie enthemmt.
Den drögen Anfang lasse ich vorerst so, wie er ist. Später, bei der ersten Überarbeitung der Rohfassung, schicke ich dann vielleicht eine Fremde in die Stadt. Mit einem Dolch in der Hand. Oder einer Prise Gift im Mörser. Und die killt die ganzen langweiligen Politiker und Hohepriester, die bisher aus didaktischen Gründen meine Seiten bevölkern.
Das wird ein Fest!