Zweifel

Mein neues Buch ist zur Hälfte fertig. Jedenfalls nach der Zahl der Wörter, die ich mir ursprünglich vorgenommen habe. 50.000 sind es inzwischen. Und auch in der Geschichte läuft alles nach Plan. Die Hauptpersonen sind eingeführt, sie geraten in Schwierigkeiten und lösen sie oder sterben halt. Und was die Welt im Jahre 70 nach Christus angeht: Der Bürgerkrieg nach Neros Tod ist bei mir inzwischen beendet, Roms Feldzug gegen die Juden erfolgreich, der Tempel zu Jerusalem brennt. Jetzt kann die Jagd nach seinem verschwundenen Schatz richtig losgehen.

Ich könnte zufrieden sein. Bin es aber nicht.

Die Zweifel sind zurück. Verursacht von anderen history- oder fiction-Autoren, deren Bücher ich dummerweise nebenbei lese. Simon Scarrow zum Beispiel, dessen Rom-Serie inzwischen 21 Teile hat und noch immer kein Ende. Robert Fabbri, der das Leben des späteren Kaisers Vespasian in neun Büchern erzählt. Oder im SciFi-Bereich Phillip P. Petersen mit den sieben Bänden seiner „Transport“-Serie.

Die schaffen es, mich zu fesseln, indem sie ihre Helden vor immer wieder neue Aufgaben stellen, ihnen ständig Hindernisse in den Weg räumen oder sie tief in den Abgrund blicken lassen, um sie dann in letzter Sekunde doch noch zu retten.

Und ich? Gebe mir Mühe um das historische Setting, das möglichst genau sein soll. Erkläre die die Bedingungen, die zu Zeiten Neros und seiner Nachfolger in Galiläa und Judäa geherrscht haben und unter denen meine Protagonisten handeln müssen. Beschreibe Landschaften, Städte und den Tempel, der von einer beeindruckenden Schönheit gewesen sein muss, weil mein Leser die handelnden Personen vor seinem geistigen Auge wie in einem Film agieren sehen soll.

Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem – Francesco Hayez – gallerie Accademia Venice Quelle: Wikipedia

Meine Geschichte ist auch spannend, ja. Es gibt ein großes Grundrätsel, auf dessen Lösung der Leser wartet, dazu einige Nebenschauplätze, auf denen sich Dramen um Freundschaft, Liebe, Krieg und Tod abspielen. Aber ich leide nicht durchgehend mit meinen Protagonisten, so wie ich es bei Cato und Macro in Scarrows Rom-Serie getan habe, stolpere nicht wie Russel in der „Transport“-Reihe ständig über neue Herausforderungen und Rätsel, schaffe es nicht, ein Zeitalter so umfassend und nebenbei als Kulisse aufzubauen, wie Fabbri in seiner fiktionalen Vespasian-Biografie.

Also habe ich meinen kreativen Prozess jetzt unterbrochen. Ich lasse den Tempel erst einmal brennen, die Römer morden und die Juden leiden und schaue mir all das bisher Geschriebene noch einmal Seite für Seite an, um es zu würzen, aufzupeppen, spannender zu machen. Freundschaft und Liebe werden verstärkt auf die Probe gestellt, Gewalt und Tod präsenter, Handlungsstränge unterbrochen und wieder zusammengeführt, anstelle wie bisher linear erzählt.

Diese Herangehensweise stellt die Geschichte und die Figuren teilweise in ein neues Licht, sie entwickeln ein Eigenleben, das von meinen bisherigen Planungen abweicht.

Und ich habe das Gefühl, das tut meinem Buch richtig gut.

Wie es aussieht, bringen mich meine Zweifel sogar voran.

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