Schein und Sein

Ejhaw, der Held meiner kleinen Romanserie, an deren zweiten Teil ich gerade sitze, hat sich in die römische Provinz Gallia Narbonensis verdrückt. Genauer gesagt verdrücken lassen, denn er ist ein Geist. Wie ein Parasit braucht er einen menschlichen Körper in den er sich einnisten kann und im ersten Teil war das aus Zufall (oder weiblicher Neugier) die junge Judäerin Leila. Eine Jugendfreundin des späteren römischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus. Aber das lenkt jetzt vom Thema ab.

Besagter Ejhaw, von dem Leila denkt, er sei der Gott der Juden (und er läßt sie in diesem Glauben), hat einen Gegenspieler namens Insheta. Auch der agiert losgelöst von Zeit und Raum, er ist genauso körperlos und benötigt einen Wirt. Und das ist im zweiten Band ausgerechnet der römische Kaiser Domitian.

Beim Zwist dieser beiden „Götter“ geht es um einen Energiestein, den sie aus ihrer Welt auf unsere mitgebracht haben. Eine Quelle unerschöpflicher Macht zum einen, mit der sich unsere Welt beherrschen läßt, und zum anderen die einzige Möglichkeit für die beiden, in ihr Universum zurückzukehren. Darüber, für welchen dieser Zwecke man den Stein nun verwenden soll, streiten sie sich bereits seit Jahrhunderten.

Nun also versteckt sich Ejhaw vor Insheta in der römischen Provinz. Oder Leila vor Domitian, wie man will. Sie hat sich hierfür eine neue Indentität zugelegt, indem sie einen reichen Bürger der Provinzhauptstadt Narbo heiratete und seither einen neuen Namen trägt. Und jetzt komme ich endlich zum Punkt dieses Beitrags.

Ihr Mann ist so reich, dass er eine wunderschöne Villa besitzt, die in Größe und Ausstattung eines Domitian würdig ist. Aber die versteckt er in den Bergen vor der Stadt – bevor noch eines Kaisers Blick voller Gier auf dieses Kleinod fällt.

Eine solche Villa gab es wirklich im Umland des alten Narbo. Ich habe die Berichte über ihre Ausgrabung in dem hochinteressanten Museum „Via Narbo“ in Narbonne entdeckt, das sich ausschließlich mit der römischen Geschichte der Stadt beschäftigt. Und sie im zweiten „Ejhaw“-Teil auferstehen lassen. Dazu gehörte natürlich auch die Beschreibung der Umgebung, die wir heute unter der Bezeichnung „Massif de la Clape“ kennen.

Es handelt sich dabei um einen Bergrücken, den man gut von der Autobahn A9 sehen kann, wenn man sie in Richtung Barcelona befährt. Ich kam da in den letzten Jahren öfter vorbei, also habe ich den Höhenzug aus dem Gedächtnis beschrieben: Sanfte Berge, bedeckt von Pinienwäldern, umtobt von Winden, die ihre über dem Mittelmeer gesammelte Kraft gegen die schroffen Ufer der einstigen Insel warfen.

Alles Quatsch.

In diesem Jahr bin ich extra von der Autobahn abgefahren, um mir die Gegend anzusehen. Und war völlig überrascht. Die von weitem so sanften Hügel werden von hohen Felsmassiven mit steil abfallenden Wänden umgeben. Dazwischen tiefe Schluchten, Kalkseen, Pinien, die ihre Wurzeln zwischen karge Steinlandschaften treiben, aber auch sanfte Täler mit grünen (zur jetzigen Jahreszeit allerdings eher trocken-gelben) Wiesen und sogar Weinbergen an ihrem Rand.

Wie sagt man so schön? Der erste Blick täuscht. Wobei es bei mir ja eher der weite war. Ich habe daraus gelernt.

Leila wird im nächsten Kapitel im Auftrage des Herrn ein neues Versteck für den Energiestein suchen. Im Schwarzen Gebirge hinter Narbonne. Und dabei auf eine Grotte stoßen, die sich kilometerweit in die Berge windet.

Die habe ich mir diesmal angesehen, bevor ich sie beschreiben werde.

Grotte de Limousis im montagne noir

Denn nichts ist bei einer historical fiction wie der „Ejhaw“-Reihe schlimmer, als wenn sie nicht der Realität entspricht.

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