Gefühlssache

In den Rezensionen zu meinem Carola-Neher-Roman wird mir vorgeworfen, ich sei in meiner Erzählung zu distanziert, fühlte mich nicht genug in meine Protagonistin hinein. Ich müsse, so übersetze ich das für mich, meinen Lesern genau sagen, wie sie sich in dieser und jener Situation gefühlt hat, damit die mit ihr leiden können.

Das kann und will ich nicht.

Zum einen ist Carola Neher eine historische Persönlichkeit, keine fiktive Figur. Ich möchte dieser großartigen Frau nicht zu nahe treten und ihr Gefühle andichten, die sie so vielleicht nie hatte. Denn die Neher führte ein Leben für die Öffentlichkeit, wie es wirklich in ihr aussah hat sie sehr gut verborgen.

Zum zweiten ist sie eine Frau. Das fände ich nun wirklich anmaßend, mich in sie hineinzuversetzen und beispielsweise zu beschreiben, wie sie ihre erste Liebesnacht empfand. Das kann ich gar nicht wissen und jeder Versuch, es zu beschreiben würde im Klischee enden.

Zum dritten liegt mir die empathische Schreibe fern. Ich habe mir im Laufe meines Berufslebens das angelsächsische Journalismusverständnis zu eigen gemacht: Berichte objektiv wie es war, aber überlaß die subjektive Schlußfolgerung dem Leser. Wenn die Neher mit dem Generalmusikdirektor Scherchen Schluß macht, kann ich eine großartige Trennungsszene schreiben, in der die beiden sich ihre unterschiedliche Lebensauffassungen an den Kopf werfen und sie dann zum Schluß erschöpft einschlafen lassen – aber ob sie ihn nun wegen eines anderen verließ oder weil sie seine Selbstsucht nicht mehr aushielt, dieses Urteil soll jeder für sich fällen.

Wenn ich in Romanen mit den Haupthelden mitfiebere, dann wegen ihrer Handlungen, von denen ich glaube, dass sie ein gutes oder böses Ende nehmen werden oder von denen ich möchte, dass sie ein gutes oder böses Ende nehmen.

„Sie war so glücklich. Endlich hielt sie in den Händen, wovon sie seit Wochen träumte. Wohlige Schauer durchströmten ihren Körper, als sie den Mund leicht öffnete. Und schon spürte sie ihn feurig an ihren Lippen.“ Von solchen Texten halte ich gar nichts.

Bei mir hieße das „Sie zögerte nur kurz. Dann stürzte sie den Wodka entschlossen herunter. Alle konnten sehen, dass es ihr erster war. Denn sie schüttelte sich und japste nach Luft. Doch sie hatte sich schnell im Griff und bestellte noch einen.“

Ich schreibe meinen Lesern ungern vor, wie sie das zu finden haben.

Selbst wenn mich das bei Amazon drei Sterne kostet.

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