Gefahr im Verzug

Weil ich nicht erwarten kann, was meine potenziellen Leser zu meinem neuesten Buch sagen, habe ich der Familie vorab die ersten Kapitel im Rohentwurf zukommen lassen. Und sie damit zu Testlesern erklärt.

Die erste Reaktion war ernüchternd. „Bei deinem Carola Neher-Roman war von Anfang an Spannung drin“, brachte mir die liebste aller Leserinnen schonend ihren Hauptkritikpunkt bei. „Diesmal erklärst du viel zu viel, bevor du zur eigentlichen Geschichte kommst.“

Nun ja, die Zeit der Zerstörung des Zweiten Tempels der Juden und der Untergang Jerusalems im Jahre 70 unserer Zeit sind nicht jedem geläufig. Da muss man mal das eine oder andere Wort drüber verlieren. Dachte ich still.

Aber mein stummer Protest wich schnell der Erkenntnis: Verdammt nochmal, sie hat Recht. Und jetzt habe ich mich hingesetzt und cliffhanger eingebaut und eine neue Protagonistin, die die Widerstände gegen die Pläne meiner Helden verschärft. Gleichzeitig überlasse ich jetzt die eine oder andere Wendung des römisch-jüdischen Krieges den Geschichtsbüchern . Wer sich, idealerweise angeregt durch mein Buch, für diese Epoche interessieren sollte, kann die Fakten ja nachschlagen.

Dennoch frage ich mich, ob ich das Manuskript nicht zu früh rausgerückt habe. Die Geschichte war ja auch aus meiner Sicht noch nicht rund, sie sollte ihre Dynamik erst im zweiten und dritten Teil aufnehmen, der erste diente der Einführung.

Aber dann fiel mir Gorbatschows Spruch ein: „Gefahren lauern auf diejenigen, die nicht auf das Leben reagieren.“ In meinem Fall heisst das auf die Testleser.

Vielleicht hat mich die Familie vor dieser lauernden Gefahr bewahrt: Ein gut recherchiertes, aber langweiliges Buch zu schreiben.

Von denen gibt es nun wirklich schon genug.

Ein Kommentar zu “Gefahr im Verzug

Hinterlasse einen Kommentar