Googlehupf

Als Autor historischer Romane recherchiere ich sehr viel. Mein Anspruch ist es, die Zeit, in der meine Romane spielen, möglichst authentisch darzustellen. Seien es nun die Goldenen Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Berlin, die Gefängnisse der Stalin-Ära oder das belagerte Jerusalem vor fast 2.000 Jahren. Das hält beim Schreiben manchmal ganz schön auf.

Derzeit sitze ich am zweiten Teil meiner Ringträger-Reihe, dem Nachfolger von „Ejhaw – die Wächter der Lade“. Da führen mich meine Protagonisten nach Rom, in die Provinz Gallien, an den Nil, in das von den Römern geschleifte Judäa. Und ständig tauchen neue Fragen auf. Wie schnell kam man damals den Nil stromaufwärts voran? Folterten die alten Ägypter ihrer Gefangenen und wenn ja, wie? Was trug ein Priester der Osiris, wenn er auf Reisen ging? Gab es in Ostia, dem Hafen von Rom, eine Brücke, die die beiden Ufer des Tiber miteinander verband? Wonach roch es bei der Öffnung eines zehn Jahre alten Massengrabes? Wie lange brauchte ein berittener Bote von Rom nach Massalia (Marseille)?

Jedes Mal, wenn ich an eine solche Stelle komme, unterbreche ich das Schreiben, um bei Google Antworten auf meine Fragen zu finden. Das nervt und kostet Zeit. Meine Autorenkollegin Birgit Constant setzt an solchen Stellen einfach eine Buchstabenkombination wie XY oder XX, um nicht aus dem Schreibfluss zu kommen. Die sucht sie später im Manuskript und recherchiert alles in einem Ritt. Habe ich probiert, ist nichts für mich. Ich mag keine offenen Fragen.

Das größte Problem bei Google ist, dass es mir nur Textschnipsel liefert. Ich muss den links nachgehen, stoße auf ausführliche Erörterungen des Problems, lese mich fest, verliere noch mehr Zeit. Ich wollte zum Beispiel wissen, welche Schiffe zur Zeit der flavischen Herrscher auf dem Nil unterwegs waren, für Fischerei, Handel und die römische Marine. Google brachte mir hervorragende Quellen – aber so detailliert, dass ich einen halben Tag an der Frage verloren habe, mit welcher Art von Boot denn wohl Flusspiraten damals ein Handelsschiff überfallen haben. Haben Jüdinnen Wein getrunken, welche Speisen wurden in einem römischen „Schnellimbiss“ angeboten, kannten die Ägypter den Ausdruck „starrte wie ein Kaninchen auf die Schlange“ (kannten die überhaupt Kaninchen?) – ich stolpere ständig über solche Probleme. Aber seit ein paar Wochen halten sie mich nicht mehr auf. Denn ich habe Grok für mich entdeckt – die Künstliche Intelligenz bei X (ich weiss, dass es Alternativen wie ChatGTP gibt, aber Grok hatte sich mir offensiv angeboten und ich bin dabei geblieben).

Grok antwortet genau so, wie ich dass als Autor brauche. Kompetent, verständlich, mit Für und Wider, sich in meine Lage versetzend. Am besten gefallen mir die Nachfragen, wie „Wenn du an eine spezifische Geschichte denkst, lass es mich wissen!“ oder „für welchen Zeitabschnitt genau interessierst du dich?“. Ich hätte früher für die Recherche der Frage, wie die Araber jener Zeit ihre Pferde lenkten, (kannten sie Halfter oder Trensen?) bestimmt einen halben Tag gebraucht, heute erfahre ich das sofort.

Ich war von jeher skeptisch bei den jährlich neuen Säuen, die durchs Dorf Internet getrieben wurden (die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den Hype um Second Life), aber die KI-Bots sind wohl ein echter game changer. Ich ertappe mich jedenfalls immer öfter, dass ich weg von Google hupf.

Grok macht dem Autoren das Prokastrinieren wesentlich schwerer. Die Leser wird es freuen.

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