Auch Sprache hat ihre Zeit

Ich stecke im Augenblick mitten in der Überarbeitung des zweiten Teils meiner „Ejhaw“-Reihe. Die spielt im Alten Rom, zur Zeit Neros und der Kaiser aus der Familie der Flavier. Das heißt, hauptsächlich in den Jahren 67 bis 81 unserer Zeitrechnung.

In der ersten Runde einer Überarbeitung konzentriere ich mich immer auf Rechtschreibung, Grammatik und die Stilistik. Bei letzterer geht es darum, ob die Sprache zu den Personen passt, der Rhythmus der Sätze ein fließender ist, ob die verwendeten Bilder stimmen, die Stilmittel wie Metaphern, Ironie, Wiederholungen so eingesetzt wurden, dass sie meinen Helden entsprechen und hoffentlich für den Leser nachzuvollziehen sind. Ich prüfe Satzlängen, checke den Text auf Redundanz (überflüssige Füllworte und Sätze) und beseitige Passivkonstrukionen („er hatte gesagt“ wird zu „er sagte“).

Was ich aber beim Rom-Thema überhaupt nicht auf dem Zettel hatte, war die unzeitgemäße Sprache.

Ich bin auf dieses Thema gestoßen, als ich den folgenden Absatz überarbeitete:

Der Mann schaute zu ihnen herüber. Bei Marias Anblick verfinsterte sich sein Gesicht. Josef war klar, warum. Eine Frau an Bord bedeutete für einen Seemann Ärger.

Da kam ich ins Grübeln. War das wirklich so? Hast du nicht letztens diesen Film mit Eva Green als Admiralin einer Flotte der Perser gesehen? Wenn die Perser schon eine Frau ans Ruder ließen, vielleicht waren die Römer da ja auch viel toleranter? Also habe ich recherchiert und siehe da: Nicht im alten Rom, sondern erst in der späteren europäischen Seefahrt (ab ca. 15.–18. Jahrhundert) stellten Frauen an Bord eine potenzielle Gefahr dar. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere (er kam beim Ausbruch des Vesuv ums Leben) berichtet sogar das Gegenteil – eine nackte Frau könne Stürme beruhigen und das Meer besänftigen.

Zeichnung und Modell eines gallischen Ponto, wie er im Mittelmeer zum Einsatz kam. Ein Ruder ist hochgezogen, das andere im Wasser.
Zeichnung und Modell eines gallischen Ponto, wie er im Mittelmeer zum Einsatz kam. Ein Ruder ist hochgezogen, das andere im Wasser. Ausstellungsstück im Museum Via Narbo in Narbonne. Foto: Autor

Also habe ich die Stelle geändert und dem Kapitän allgemein seinen Mißmut über lästige Passagiere ansehen lassen. Aber ab diesem Zeitpunkt achtete ich zudem darauf, ob meine Sprache auch wirklich immer zeitgemäß, das heißt der von mir beschriebenen Epoche entsprechend war. Und habe erstaunlich viele Formulierungen entdeckt, die dieses Kriterium nicht erfüllten.

Um bei der Seefahrt zu bleiben: Irgendwo hieß es in meinem Text, „der Kapitän übernahm das Ruder“. Läuft einem flüssig in die Tasten, hätte so aber niemand im Alten Rom gesagt. Denn die meerestauglichen Schiffe hatten gewöhnlich zwei Ruder. Auch wenn die zuweilen über Stricke oder andere mechanische Konstruktionen zusammen betätigt werden konnten, waren dafür meist zwei Mann erforderlich.

An einer anderen Stelle sprach ich davon, dass der Präfekt seine Leibwächter „aus der eigenen Schatulle“ bezahlte. Das Wort „Schatulle“, erfuhr ich bei der Recherche, wurde erst im 18./19. Jhd als Wort für Kasse genutzt. Der Präfekt dürfte seine Münzn in Beuteln und Truhen verwahrt haben.

Den Ring, den der Kaiser bei mir auf einem Samtkissen überreicht bekam, konnte es so nicht geben. Samt, so wie wir ihn kennen breitete sich erst ab dem 8.–9. Jahrhundert im islamischen Raum aus und erreichte Europa erst im 13.–14. Jahrhundert. Also habe ich den Schmuck jetzt auf Seide drapiert.

Das Fundament des Kolosseum in Rom hat die Form eines großen, runden Schweizer Käses. Dieses Bild konnte ich natürlich nicht verwenden. Also verglich ich es mit einem riesigen Mühlstein. Auch das war falsch. Die uns bekannten Mühlsteine in Form einer Scheibe entsprachen nicht den römischen. Die Müller damals verwendeten Steine in der Form eines Kegels, auf die ein weiterer hohler Stein gesetzt wurde, dessen Spitze abgeschnitten war (um dort Getreide einzufüllen). Als ob man zwei Verkehrskegel aufeinander setzt. Der obere Stein wurde dann von Eseln, Sklaven oder Wasser angetrieben und zermahlte das Getreide, in dem er es auf dem unteren Stein zerquetschte.

Und so fand ich lauter Bilder und Worte, die nicht in die damalige Zeit passten oder sogar falsch waren und ersetzte sie.

Ich bin fast sicher, dass niemand diese Arbeit würdigen wird. Denn die „falsche“ Sprache kam nur in den ursprünglichen Text, weil sie mir selbstverständlich ist. Und damit auch meinen Lesern. Wem fällt schon auf, dass die obigen „Frauen an Bord“ dopppelt irreführend sind: nicht nur inhaltlich, sondern auch formal? Denn das Wort „Bord“ hat seine Wurzeln im altgermanischen und erreichte seine Verbreitung erst aus dem Altenglischen kommend. Bloß, wenn ich solche Unkorrektheiten nun auch noch ausmerze, werde ich nie fertig.

Ich hoffe, Frauen, die mein neues Buch an Bord eines Kreuzfahrers lesen, verzeihen mir solcherart Unkorrektheiten. Ich denke, es kommt sowieso mehr darauf an, ob das Buch spannend ist.

Und darauf achte ich bei der Überarbeitung ebenso genau. Versprochen.

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