Nun zähle ich also auch zu den Opfern. Obwohl ich ein alter, weißer Mann bin und damit per Definition gar nicht zu dieser Gruppe gehören kann. Denn ich bin ja privilegiert aufgewachsen und kann somit grundsätzlich gar nicht systematisch unterdrückt werden. Genau das passiert aber.
Ich sage euch, wie es ist: Es gibt eine Weltverschwörung gegen die alten weißen Männer. Sie haben die neue Technik gegen uns eingesetzt.
Seit einiger Zeit bin ich in Südfrankreich. Auf Arbeitsurlaub, sozusagen. Ich will einen neuen historischen Roman schreiben und bereite ihn hier vor. Ich plotte die Handlung, entwerfe erste Szenen, zeichne die Protagonisten, recherchiere und arbeite sogar schon am ersten Kapitel.
Dazu musste ich in den Süden flüchten, weil zu Hause ja doch immer etwas dazwischen kommt. Ihr kennt das: Die Enkelin muss zum Reiten (ich fahr sie gern). Die Gattin findet, wir sollten mal wieder ins Kino gehen. (Liebe) Freunde klingeln an der Haustür, weil wir uns doch so lange nicht mehr gesehen haben.
Also habe ich mich in die Ruhe des Midi zurückgezogen, um dort ungestört arbeiten zu können. Klingt in der Theorie auch ganz gut. Praktisch scheitere ich aber. An der Technik.
In einer Zeit, in der jede Software zunächst einmal eine Internetverbindung verlangt, um meine Identität festzustellen, fällt die Verbindung ins weltweite Netz bei mir ständig aus. Ich habe hier eine ADSL-Leitung und die ist dafür offenbar besonders anfällig. Mal läuft der Router 10 Stunden durch, mal schafft er nicht mal 10 Minuten.
Fällt er aus, muss ich erst einmal den Stecker ziehen. Anders kann man ihn nicht neu starten. Dann rödelt er 3 Minuten, bis er entschieden hat, ob er diesmal eine neue Verbindung schafft oder eben ins Leere gelaufen ist. Hatte er keinen Erfolg, ziehe ich erneut den Stecker und warte wieder.Das kann gern 10x hintereinander passieren. Ich habe versucht, eine deutsche Fritz!Box anzuschließen, aber natürlich sind die Telefonstecker inkompatibel.
Mein französischer Anbieter verspricht Abhilfe: Ich bekomme super duper Glasfaser! Schön wäre es ja. Am Netz liegt es nicht. Das Dorf ist angeschlossen. Aber mit der letzten Meile hapert es. Denn das Kabel liegt auf der anderen Seite der asphaltierten Straße. Und von da bekommt Free es nicht rüber. Ist Sache staatlicher Stellen. Am 31. August klingelte bei mir ein Monteur und erklärte, dass das Departement jetzt ein Kabel in unsere Seitenstraße legen wird. Prima. Gestern stand der Monteur von Free vor dem Haus und wollte meinen Glasfaser-Router anschließen. Und stellte dann verwundert fest, dass das Kabel noch immer nicht verlegt ist. Aber damit nicht genug.
Habe ich Internet, heißt das noch lange nicht, dass der Laptop sich willig zeigt, mit mir zusammenzuarbeiten. Fast grundsätzlich läuft er sich 10 bis 15 Minuten warm, bevor er bereit ist, auf meine Eingaben zu reagieren. Ich weiß nicht, was der da jeden Morgen aktualisiert.
Ist die Hardware da, heißt das noch lange nicht, dass die Software mitzieht. Manchmal benötigt jede kleinste Befehlseingabe (wie das Drücken der Enter-Taste) 10 bis 15 Sekunden, bis sie ausgeführt ist.
Weiter: Mein neu angeschafftes Tisch-Mikrofon schaltet den Lautsprecher des Laptops aus, sobald der Stecker im USB-Anschluss steckt. Neulich hat mich die Fehlersuche hierfür eine Viertelstunde gekostet. Dabei hatte ich nur vergessen, den Stecker wieder rauszuziehen.
Bei einem Zoom-Webinar konnte ich zwar alle sehen und alles hören, aber meine Kamera weigerte sich, den anderen mein Bild zu übertragen. Das nehme ich übrigens persönlich.
In Canva habe ich letztens ein aufwändiges Karussell gefertigt, nur um nach einer dreiviertel Stunde festzustellen, dass ich es aus Versehen in einer Reel-Vorlage produziert habe. Das Konvertieren der Videoschnipsel in Einzelbilder erwies sich als unmöglich. Weil ich die Menüpunkte, mit denen das laut KI ganz einfach ist, erst gar nicht gefunden habe. Trotz genauer Angabe des Geräts und des benutzten Betriebssystems.
Es ist nicht zu glauben, wie viel Zeit mich dieser ganze technische Kram kostet. Zeit, die ich doch viel lieber für das Schreiben meines neuen historischen Romans verwendet hätte.
Die Technik erleichtert uns das Leben? Mag sein. Ich glaube eher an eine Verschwörungstheorie: Computer, Apps, viele Gadgets sind dazu da, um das Überalterungsproblem der Bevölkerung zu lösen. Ich jedenfalls stehe kurz vor dem digitalen Suizid.
Vielleicht sollte ich mich wieder mehr dem realen Leben widmen. Und mir auf einem der vielen Flohmärkte hier unten eine Schreibmaschine besorgen.