Alter Mann 1nt1m

Bestseller-Autorin @antoniawesseling stellte diese Woche auf Instagram eine interessante Frage: „Wie realistisch darf S3x sein?“ (*) Sie meinte natürlich nicht das reale Zusammensein zweier Menschen, sondern das vom Schriftsteller Beschriebene.

Im konkreten Fall ging es ihr darum, ob sie in einem Young-Adult-Roman schreiben darf, dass die Protagonistin ihr erstes M@l nicht so prickelnd fand. Wo man doch in ihrem Genre davon ausgeht, dass das überwältigend, wunderschön und einfach „hach“ gewesen sein sollte. Und sie fragte sich ausserdem, ob ihre Heldin davor Angst haben dürfe, obwohl sie es unbedingt will. Und ob ihr Partner unsensibel sei, wenn er sie trotzdem von ihren Ängsten befreit (meine Formulierung).

Symbolbild. Foto: privat

Der Beitrag brachte ihr über 3.000 Likes und 250 Kommentare. Und mich dazu, jetzt über mein Dilemma zu sprechen:

Darf ein alter Mann über Young-Adult-S3x schreiben?

Ich bin felsenfest davon überzeugt: Ja! Denn ich versuche nicht, mich in die junge Generation von heute hinein zu versetzen. Das überlasse ich der 27-jährigen Antonia Wesseling und ihren Kolleginnen. Ich konzentriere mich auf Ängste, Gefühle, Erfahrungen, die es schon zu Zeiten der alten Griechen und Römer gab und die es auch noch in Zeiten der Besiedlung fremder Planeten geben wird. Und die ich logischerweise in bestimmten Aspekten auch selbst gemacht habe.

Aber warum lasse ich es in meinem nächsten historischen Romans überhaupt zur Sache gehen und habe das Zusammensein der beiden nicht verschämt umschrieben?

Weil ich diese Erfahrung bei meiner Protagonistin brauche. Also als Autor. Sie steht am Anfang einer Entwicklung, die ich gerne aufzeigen möchte, weil sie so exemplarisch für die jungen Mädchen der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, vor allem der Zwischenkriegszeit war.

Die Frage, die sich Antonia Wesseling stellt, ob es immer wunderschön sein muss, habe ich zufällig gerade diese Woche für meine Protagonistin beim Schreiben des ersten Kapitels beantwortet: Nein, muss es nicht. Es kann auch enttäuschend sein, schmerzhaft.

In meinem Fall kommt eine junge, privilegierte Gutsbesitzer-Tochter aus Westpreussen mit einem armen Kommunisten zusammen. Sie ist empathisch und neugierig. Er erobert mit ihr eine Trophäe. Für mich als Autor stand fest: Das konnte nicht klappen.

Hätte ich meiner Heldin diese Erfahrung lieber ersparen sollen? Nein. Denn sie ist der Ausgangspunkt für ihr Verhalten gegenüber den Männern in den folgenden Jahren und Jahrzehnten. Sie erklärt oberflächliche Beziehungen und tiefe Liebe. Sie illustriert eine spätere irrationale Hinwendung zu Sowjetrussland und zum Stalinismus.

Und damit komme ich wieder zu der Frage von Antonia Wesseling. Für uns Autoren muss das erste Zusammensein zweier junger Menschen so sein, wie es die Geschichte braucht, die wir erzählen wollen. Und nicht so, wie es die Leser von uns erwarten.

Und in diesem Sinne darf ich selbstverständlich über Young-Adult-S3x schreiben. Selbst wenn ich dazu lange in meinem Gedächtnis kramen muss.

*Die seltsame Schreibweise von Worten, die in unserer sensiblen Welt Leute triggern könnten, ist den Community-Richtlinien der großen Plattformen geschuldet. Sorry dafür.

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